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pädal – pädagogik aktuell e.V.
und Lernwerkstatt Kita-Museum

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Kita-Museum
   Informationen


Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit
in Kindereinrichtungen der DDR

Logo Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit in Kindereinrichtungen der DDR
   
 

>  Fragen zum gesellschaftlichen Stellenwert und den Zielen der frühkindlichen     Sozialisation in DDR-Kindereinrichtungen

1980 wurden in der DDR über 90 % der Kinder zwischen 1 und 6 Jahren in Krippen und Kindergärten betreut. Die SED-Regierung förderte dieses quantitativ hohe Betreuungsangebot mit hohem Finanz-, Forschungs- und Personalaufwand.
Das System von Erziehung, Bildung und Betreuung in den staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen der DDR stellt ein aufschlussreiches Beispiel für die Strategien und Funktionsweisen des SED-Regimes dar. Denn die Erziehung in den Kindereinrichtungen war geprägt durch das zentral gesteuerte Zusammenwirken von sozial- und wirtschaftspolitischen Zielsetzungen, der sozialistischen Staatsideologie und den staatlich gelenkten Kontrollmechanismen auf allen Ebenen des Zusammenlebens.

Erziehungsziel war die Entwicklung jedes Kindes zur „sozialistischen Persönlichkeit“, die bereit und fähig war, sich in gesellschaftlichen Kollektiven ein- und unterzuordnen, um so und durch das Streben nach immer besseren Leistungen für den Aufbau des Sozialismus einzustehen. Die Verwirklichung davon abweichender Handlungsprinzipien und Erziehungspraktiken war nur im Einzelfall – in gesellschaftlichen Nischen – und entgegen staatlichen Vorgaben möglich.

Aus heutiger Sicht stellen sich vielfältige Fragen wie:

> > Welche Theorien, Ziele und Absichten waren in der DDR-Staatsführung ausschlaggebend

>    für den einzigartigen Ausbau der Kinderbetreuung?
>    für die sehr frühe Aufnahme von Kindern?
>    für die fachlich qualifizierte, zugleich politisch indoktrinäre Erzieher/innenausbildung?
>    für die einheitliche Ausstattung aller Kindereinrichtungen?
>    für die eng vorgegebenen, teilweise streng kontrollierten Tagesabläufe?
>    für die enge Festlegung von Erziehungsprinzipien und pädagogischen Methoden?
>    für die gelenkte Beteiligung von Eltern?
>    für die hohen politisch-gesellschaftlichen Erwartungen der SED-Regierung an das gesamte       Personal der Kindereinrichtungen?

> >    Was sollte erzieherisch bewirkt werden?
> >    Welchem Welt- und welchem Zukunftsbild strebte die sozialistische Erziehung nach?
> >    Auf welche Weise und auf welchen Wegen wurden Erzieherinnen und wurde die frühe                   Kindertagesbetreuung in diesem Sinne staatlich gelenkt und gesteuert?
> >    Wie weit war das, was staatlich vorgeschrieben und gefordert wurde, die Alltagsrealität?
> >    Wie sahen die Wirklichkeiten für die Beteiligten aus?

>  Lernwerkstatt im Koffer

  • Welche Zielsetzungen verfolgt die Materialiensammlung?
  • Was leistet sie?
  • Welches ist ihr Beitrag zur Qualifizierung der pädagogischen Arbeit in der Kindertagebetreuung heute?

Die Materialiensammlung „Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit in Kindertageseinrichtungen der DDR“ weckt bei Jugendlichen, Eltern und Erzieher/innen das Interesse und die Motivation, sich aktiv mit den spezifischen Bedingungen des Aufwachsens in der DDR zu befassen und die Zusammenhänge zwischen SED-Gesellschaftspolitik und dem Bedingungen des Aufwachsens in Kindereinrichtungen der DDR zu verstehen. Die Nutzer/innen können wesentliche Aspekte der Ziele, Strategien und Funktionsweisen des DDR-Regimes erkennen und sind herausgefordert, diese kritisch zu reflektieren.

> >   Das Thema

Der Zugang zum Thema DDR-Regime wurde hier über das System der Erziehung und Betreuung in Kindereinrichtungen gewählt,

>    weil “Kinder“ und „Kindheit“ überall auf der Welt persönliche Erinnerungen wachrufen und       individuelle Empfindungen berühren. Erinnerungen an die eigene Kindheit sprechen Menschen       unmittelbar emotional an und schaffen die Bereitschaft, sich gedanklich auf „Kindheit in der       DDR“ einzulassen;
>    weil Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Westdeutschland und anderen westlichen       Ländern sowie die Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, persönliche Erfahrungen       und Emotionen mit Krippe, Kindergarten oder Hort verbinden;
>    weil das Bestreben des SED-Staates, sein Erziehungs- und Bildungswesen streng und bis       ins Detail zentralistisch zu steuern (Ziel der Allgegenwärtigkeit der Staatsorgane), letztlich       einen untrüglichen Einblick in die Ziele und Methoden der diktatorischen, einengenden
      SED-Staatsführung gibt, die schon bei der Erziehung der Säuglinge begann.

Im Erleben vieler DDR-Erzieher/innen wurde dieser enge Zusammenhang zwischen der staatlichen Regulierung des Alltagslebens, auch des Lebens in den DDR-Kindereinrichtungen und der allgegenwärtigen Machtausübung der SED nicht oder nur indirekt spürbar. Die meisten arrangierten sich in der Enge des Systems und riskierten es nicht, zu hinterfragen, was staatlich reguliert oder bei Strafe untersagt war. - Um das zu verdeutlichen, sind Ausschnitte aus Gesprächen und Interviews mit Erzieherinnen, Leiterinnen, Fachberaterinnen, Eltern und ehemaligen Krippen-/Kindergartenkindern zur Beschreibung der bis 1989 ungeschriebenen DDR-Wirklichkeit in diese Sammlung eingeflossen. Denn

„erst, wenn in aller Differenzierung die Auswirkungen der zentralistischen, autoritären und repressiven Machtausübung auf das alltägliche Leben der Bevölkerungsmehrheit sichtbar gemacht werden, lassen sich die Mechanismen verstehen, denen die Ostdeutschen ausgesetzt waren und die ihnen ein tägliches Ringen zwischen Anpassung und Widerstand abverlangten. …Solange die Darstellung der Diktatur auf die Verfolgung der politischen Gegner beschränkt ist, bleiben die Einfallstore für die nostalgische Rückbesinnung auf die ‚schönen Seiten’ der DDR offen und die Verklärung unwidersprochen.“
Ulrike Poppe: Zur Neuordnung der Erinnerungs- und Lernorte. Die Kontroverse um das Konzept der Sabrow-Kommission; http://www.gegen-vergessen.de/archiv/poppe092006.htm

Die Sammlung stellt eine Vielzahl an Materialien und Informationen zum Thema einerseits aus DDR-Veröffentlichungen und andererseits aus dem Blick westlicher Wissenschaftler/innen und Pädagog/innen ausdrücklich in unkommentierter Form zur Verfügung. Damit fordert sie zur Reflexion, zum Abwägen und zur eigenen Meinungsfindung heraus. So soll die individuelle wie auch

"die öffentliche Auseinandersetzung mit der DDR … unterschiedlichen Gesichtspunkten Raum geben (und nicht) auf das Ziel einer einheitlichen oder gar geschlossenen Gesamtaussage verpflichtet werden".
Aus: Empfehlungen der Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes Aufarbeitung der SED-Diktatur, in: M. Sabrow (Hg.) u.a: Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007, S. 21

Die Arbeit mit der Materialiensammlung trägt dazu bei, allzu schnell verdrängte Aspekte der Bildung und Erziehung in der DDR und des Aufwachsens unter diktatorischer Lenkung zu vergegenwärtigen – ohne die fortschrittlichen Ergebnisse und Ansätze aus Wissenschaft und Praxis zu ignorieren oder abzuwerten, und ohne auch die vielen mutigen individuellen Abweichungen gewissenhafter Erziehungsfachkräfte überall in der DDR-Republik zu übersehen.

>  >  Die Lernwerkstatt

Die Sammlung ist als Selbstlernmaterial für Besucher/innen der Lernwerkstatt Kita-Museum (Familien, Schüler/innen, Studierende und pädagogische Fachkräfte) konzipiert. Sie kann auch in der politischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung unabhängig vom Museum eingesetzt werden (s. Ausleihverfahren).

>  >  Die Materialiensammlung

Die Materialien bieten gute Grundlagen

>    zur Aneignung von Kenntnissen über das vorschulische Leben und Aufwachsen in der       DDR, über Ziele und Methoden der Kleinkinderziehung, zu Planungs-, Entscheidungs- und       Kontrollstrukturen, zum Verhältnis von Individuum und Kollektiv im SED-Staat.

>    zur Gegenüberstellung der Inhalte, Ziele und Methoden der sozialistischen Erziehung in der       DDR mit den Inhalten, Zielen und Methoden anderer Ansätze frühkindlicher Erziehung.

>    zur persönlichen Auseinandersetzung und pädagogischen Standortklärung für       Personen, die derzeit (z.B. Eltern, Erzieher/innen, Tagespflegepersonen, Lehrer/innen) oder       künftig (z.B. Schüler/innen, Studierende) Verantwortung für die Erziehung und Bildung kleiner       Kinder tragen oder tragen werden.

Die Texte und Gegenstände bieten sich als pädagogische Reflexionsgrundlage an, die bislang bundesweit fehlt. Sie geben Antworten auf Fragen wie:

>    Welches Bild vom Kind lag den Erziehungsprogrammen und den methodischen Vorgaben       zugrunde?
>    Welche Literatur, Programme und didaktischen Materialien wurden den Erzieherinnen               zur Verfügung gestellt?
>    Wie war das Verhältnis von staatlich gefordertem und individuell definiertem                   Berufsverständnis?
>    Welche Spielräume hatten die Erzieherinnen in ihrer pädagogischen Arbeit und wodurch       waren sie bedingt?
>    Wie und auf welchen hierarchischen Wegen gelangten die staatlichen                 Erziehungsvorgaben zu den Praktiker/innen in den Einrichtungen? Wie weit und auf            welche Weise wurden sie in Krippen und Kindergärten umgesetzt?
>    Wie beurteilten die Eltern das Kinderbetreuungssystem? Mit welchen Begründungen?
>    Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Eltern?
>    etc.

> Der Kofferinhalt, Auswahl und Verleih

>  >  Kofferinhalt

>  Die Themenordner zum ABC der Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit
Das „ABC der Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit“ enthält 151 Stichworte. Durch Verweise und Zusammenfassungen ergeben sich daraus 47 Oberbegriffe. Zu jedem Oberbegriff wurde eine Themenmappe zusammengestellt, die Kopien von Lexikonausschnitten, Zitaten und Textauszügen aus DDR-Veröffentlichungen sowie Analysen und Interviews aus der Wende- und der Nachwendezeit enthält. Im Inhaltsdeckblatt jeder Mappe sind detailgenau alle in der Sammlung zum Thema angebotenen schriftlichen und gegenständlichen Materialien aufgeführt.

>  Die Informationen – Methoden – Beispiele geben Auskunft über Motivationen, Ziele und Absichten für die Erarbeitung der Materialien. Sie enthalten ein Vorschlagsangebot von insgesamt 42 kreativen Lehr- und Unterrichtsmethoden, die für die Themenbearbeitung mittels der Materialiensammlung geeignet sind. Die Methoden sind verschiedenen erprobten und bewährten Methodenpools aus der Jugend- und Erwachsenenbildung entnommen (die Quellen sind angegeben). - Als Anregungen und Beispiele sind 3 Skizzen für Unterrichtsprojekte unterschiedlichen Umfangs und unterschiedlicher Dauer angefügt, die mittels der ausgewählten Themenmappen zu bearbeiteten sind.

>  Die Pädagogischen Fach- und Kinderbücher sind nicht als exemplarischer Einblick in den Bestand der DDR-Fach- und Kinderliteratur gedacht, sondern es wurden Titel ausgewählt, die explizit zum Einsatz für die sozialistisch-ideologische Erziehung im Vorschulalter konzipiert waren. Die Bücher stehen im Original auch für den Verleih zur Verfügung.

>  Die Fotos: 82 Fotos in DIN A-4 Format aus unterschiedlichen Bereichen des Themenfeldes wie etwa Krippen- und Kindergarten-Alltag, Architektur, Kongresse, Patenschaften, NVA uvm.

>  Die Dokumente, CDs, DVDs ermöglichen Einblicke z.B. in staatliche Verfügungen, Ehrungen und Urkunden, Formulare und Planungsbögen, individuellen Aufzeichnungen und Notizen sowie das Anhören und Ansehen von Liedern und Filmsequenzen zum Thema.

>  Die Spiel- und Lernmaterialien ergänzen das Angebot der Schrift- und Bildmaterialien. Zu dieser Sammlung gehören z.B. originale Puppen, Soldatenfiguren, Applikationen für die Beschäftigungen im Kindergarten, Bildergeschichten oder die rote Mai-Nelke als Symbol der Arbeiterbewegung.

>  >  Lernwerkstatt im Koffer zum Verleih

Interessierte wählen unter individuellen Aspekten und eigenen Fragestellungen die Themenschwerpunkte für ihre „Lernwerkstatt im Koffer“ aus. Sie erhalten die Zusammenstellung mit den jeweils zugehörigen Themenmappen und Materialien per Paketdienst. Das Schriftmaterial ist gut handhabbar in Ordnern gesammelt und zur Nutzung in Unterricht oder Seminaren kopier- oder scanbar.

>  >  Die Auswahl

Die Auswahl der Themenschwerpunkte erfolgt mit Hilfe der 47 Oberbegriffe, die auf der homepage im „ABC“ alphabetisch aufgelistet sind. Der Einstieg ins Thema und die Auswahl der Themenschwerpunkte werden erleichtert und unterstützt durch die 150 kurz erläuterten Unterbegriffe im ABC, durch die Inhaltsdeckblätter mit allen dazugehörigen Materialien (Lexikonausschnitte, Zitate und Textauszüge aus DDR-Veröffentlichungen sowie Analysen und Interviews aus der Wende- und Nachwendezeit, Fotos,….) und die Quellenverzeichnisse (Bücher, Zeitschriften, Internet), die ebenfalls auf der homepage über das „ABC“ aufgerufen werden können.

>  >  Das Ausleihverfahren

> Wer benutzt die Lernwerkstatt im Koffer?

>       Lehrende und Lernende/Studierende nutzen das didaktische Angebot in der Lernwerkstatt
         Kita-Museum und sind an der Ausleihe zur Benutzung in den Ausbildungsstätten interessiert.

>       Besucher/innen der Lernwerkstatt Kita-Museum sind darüber hinaus Tagespflegepersonen,          Erzieher/innen und Kita-Teams, Familien sowie interessierte Nicht-Pädagog/innen und touristische          Gruppen, die sich mit den Themen des Museums befassen und mehr über die Kindertagesbetreuung in          der DDR erfahren möchten.

>       Die Materialiensammlung wird in der Lernwerkstatt Kita-Museum im Rahmen der Seminararbeit mit          Erzieher/innen genutzt und steht den pädagogischen Fachkräften zum selbsttätigen, erkundenden und          entdeckenden Lernen zur Verfügung.

Der Erarbeitung der Materialien und den Recherchearbeiten gingen Planungsgespräche mit Lehrenden an Fach-, Fachhochschulen und Oberstufenzentren voraus. Ihnen unkompliziert handhabbare, themenspezifische Hilfen an die Hand zu geben, war ein wesentliches Ziel dieser Arbeit.